1106km in Norddeutschland
Am letzten Junitag waren die Vorhersagen endliuch einmal so, wie man sie gern hat: Großflächig gutes Wetter soll in Deutschland vorherrschen. An dem Freitag haben sich eine Reihe Wilscher Segelfliueger in die Luft begeben, um zu schauen, was die Wetterlage hergibt. Maurice ist mit dem Vereinsarcus losgeflogen.
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Zufrieden wieder zu Hause...
Nur so viel: Es wird ein Flug mit vierstelliger Distand, etwas, das von Wilsche aus durchaus selten vorkommt. Damit die daheimgebliebenen oder diejenigen, die es am Bürorechner mit zugezogener Jalousie verfolgt haben, auch mitfühlen können, hat er das Ganze in einem Artikel verarbeitet...
1106km in Norddeutschland
Es war Montag, der 30.06.2025 als ich erkannte, dass Freitag oder Samstag ein guter Streckenflug gelingen sollte. Sogleich habe ich mich auf der Website „Vereinsflieger“ für den Arcus M eingetragen.
Mittwoch wurde es handfester und der Freitag wurde herausragend vorhergesagt und ich reichte Urlaub bei meinem Arbeitgeber für Freitag ein. Am Mittwoch begann ich dann auch mögliche Copiloten anzuschreiben mit denen ich bereits lange Streckenflüge absolviert hatte. Leider vergeblich…
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Großflächig gute Wettervorhersage bei skysight
Deshalb nahm ich dann am Ende ca.120L Wasser als Copilot und eine Menge Blei in der Nase zum Schwerpunktausgleich mit. (SP Nass 41%, trocken 49%)
Die Vorhersage am Donnerstagabend versprach sehr gute Möglichkeiten auf große FAI-Dreiecke um den Luftraum Berlin jenseits der 800km… Wahnsinn
Ab und zu liebäugelte ich mit 1000km. ;)
Es ergab sich für mich die größte Herausforderung überhaupt fliegen zu können. Ich war die Tage zuvor ein wenig angeschlagen und hatte dadurch leider wieder Probleme mit dem Druckausgleich. Das war auch der Grund mich schmerzlich entgegen eines großen FAI-Dreiecks um Berlin zu entscheiden. Ich wollte auf keinen Fall östlich von Berlin hängen mit dichten Ohren… Deshalb entschied ich mich für die ohrenschonendere Variante auf der Windachse Reihungen zu fliegen. Zu Not kann ich ja wieder Landen, dachte ich mir. Letztendlich war es eine gute Entscheidung. ;)
Zum Setup des Fliegers:
- 800kg Abfluggewicht (ca. 120Liter Wasser)
- 51kg/m^2
- Schwerpunkt 41% mit Wasser und 49% ohne Wasser
- 14Liter Sprit (Voller Rumpftank)
Donnerstag Abend fuhr ich nach der Arbeit nach Wilsche. Dort traf ich dann auf Helge L., der bereits seine ASH25 3F aufgerüstet hatte. Er versprach sich auch gutes Wetter um Berlin und zielte auf ein 800 bis 900km FAI-Dreieck. Ich tankte an dem Abend den Sprittank des Arcus randvoll und packte meinen Streckenflugkram in den Flieger. Nach einer Menge Blei schleppen machte ich mich auf ins Bett.
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Wasser marsch, Flächenbelastung hilft immer
Freitagmorgen
Motor gestartet, Warmlauf, Zündkreischeck, Redundanzsystemcheck und dank Nico gerade Flächen beim Eigenstart. Beim Arcus läuft nämlich das Wasser bei abgelegter Fläche raus. Bei der ersten Kurve in den Querabflug bemerkte ich dann beim Schauen auf den Faden, dass an der Haube gar kein Faden vorhanden war… Ups ;D
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Nach dem Start ist der Faden weg... zum Glück nur auf der Haube ;-)
Naja ich habe erstmal weiter durchgezogen und bin auf 1400m msl gestiegen. Zur kurzen Erklärung: MSL ist Main sea level (Höhe über Meeresspiegel) und AGL ist Altitude ground level (Höhe über Grund). Nach dem Motorkühllauf über dem Flugplatz Wilsche habe ich wie geplant mit eingefahrenem Motor in 1200m agl den Flug begonnen. Ich entschloss mich nicht nochmal zu Landen wegen dem fehlenden Faden. Meine Motivation sagte, beim geradeaus fliegen unter Reihungen brauche ich keinen Faden. Haha ;) Am Ende musste ich doch öfters Kurbeln als gedacht.;) Zum Glück war ich zu diesem Zeitpunkt bereits gut auf den Arcus eingeflogen und wusste wie viel Seitenruder ich beim Kurbeln benötigte.
In 1200m agl abgeflogen, folgte ich den Geschichten und Tipps von Helge und glitt bis sogar hinter Celle-Arloh in das thermisch gute Gebiete ab… Die gute Gleitleistung vom Arcus macht es möglich! Dort waren die ersten cumulus Wolken anzutreffen. Wiedergefunden habe ich mich nach ein wenig rumkräpeln in knapp 400m agl… toll und das mit schweren 800kg! Gleich muss und werde ich den Motor anstellen, hatte ich mir gedacht. Zum Glück kam dann der rettende Bart mit knapp einem Meter pro Sekunde. Der Streckenflugwahnsinn durfte nun beginnen! :=0
Ich flog zuerst südlich der aktiven EDR`s um Faßberg lang so weit in den Westen wie es ging.
ED-R steht für "Europa Deutschland Restricted Area" und bezeichnet einen Luftraum mit Flugbeschränkungen, der in Deutschland eingerichtet wird.
Ja… zuerst früh am morgen gegen den Wind… Der Grund für diese Entscheidung waren die frühen Entwicklungen in dem Gebiet der Lüneburger Heide. Zudem kam, dass ich mich gegen den Wind sicherer fühle, tief Thermik zu finden.
Ich flog dann die Wälder an der Aller ab bis ca.10km westlich Hodenhagen. Nach dem Wenden fiel es mir allmählich leichter, da die Thermik besser wurde und der Rückenwind bei gleicher Vorfluggeschwindigkeit Gleitzahl spendierte. :)
Ab dem Elbe-Seitenkanal nähe Ehra-Lessien am EDR-30 wurde das Wetter dann schon richtig gut und es begann zu reihen. Wohl bemerkt, es war erst 11Uhr lokal…
Angekommen im EDR-74 bei Haldensleben stand für mich die schwerste Entscheidung des gesamten Fluges bevor.
Wo fliege ich jetzt eigentlich weiter? HAHA :D
Der Fläming war nicht so gut vorhergesagt. Eigentlich war mein Plan zwischen Verden und Lüsse 1000km zusammen zu fliegen. Über WhatsApp kam dann die Nachricht von Timo H. ich solle nach Reinsdorf fliegen. Helge war zu dieser Zeit bereits in Polen angekommen und hatte einen beeindruckenden Schnitt ab Bronkow geflogen! Damit war es entschieden und ich schummelte mich unter dem Berliner Luftraum hin nach Bronkow. Auf dem Weg waren die Soldaten im EDR-73 Altengrabow noch am arbeiten. Sodass ich deren Schusslinie ausweichen musste und auch wollte. ;) Das EDR-73 Altengrabow sollte Bis 15Uhr UTC aktiv bleiben. Bei Bronkow begrüßte mich die Gegend dann mit einem 5m/s Bart.. Wahnsinn das war mein stärkster Bart in meiner noch nicht so langen Segelflugkarriere!
Ab Bronkow wurde es dann unverschämt schnell unter den Reihungen bis nach Polen rein! Einfach nur noch den 800kg Arcus laufen lassen, sagte ich mir selber und flog ab Bronkow mit einer 140er Schnittgeschwindigkeit nach Polen...
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Das ist wie Autobahn fahren...
So viel Energie und Konzentration für die letzen 200km aufheben wie möglich…dachte ich mir.
Genau hinter der Grenze in Polen setzte ich die zweite Wenden und ballerte die Reihung zurück nach Westen. Ich hatte im Navi-LX9000 wieder für den Kurs zurück Celle-Arloh eingedreht und lies den 800kg schweren Arcus weiter laufen. Ich lies 2m/s stehen um die nächste Wolke zu verfehlen und dann aus 500m agl bei einer Basis von 2000m 3,5m/s zu ziehen… vorteilhaft das ich tief gut Thermik finden kann. Liegt wahrscheinlich an meiner vorherigen Zeit als Modellflieger. :) Dort ist man häufig in niedrigen Höhen unterwegs und kennt jede kleine thermische Auslösekante.
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Proviant muss sein
Weiter krachte ich gen Westen mit einer krassen Schnittgeschwindigkeit von an die 120 km/h gegen den Wind! und fand mich dann kurz vor der Elbe wieder und entschied dann die dritte Wende beim EDR74 60km östlich Wilsche zu setzen. Der Plan war im guten Wetter östlich der Elbe weiter Kilometer zu schrubben und auf dem Rückweg im EDR74 den Endanflugsbart zum Thermikende zu kurbeln. Bei 2000m Basis gut möglich dachte ich mir mit der Gleitleistung im Rücken vom Arcus. Der Plan passte letztendlich gut und nun kommen wir zu einer Eigenschaft von mir persönlich….Ich liebe es groß zu denken und Aussagen wie „Das geht doch nicht.“ keine allzu große Gewichtung zu schenken.
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Läuft...
Ich hatte zu der Zeit 830km geflogen und 170km bis nach Hause… also ziemlich sicher die 1000km im noch guten Wetter inclusive des Endanflugbarts im EDR74 bei Haldensleben im Kasten. Also dachte ich mir, ich mach mal einen Maurice und lege weitere 50km nach Osten im noch immer sehr guten Wetter drauf und habe dann zurück in Wilsche ganze 1100km auf der Uhr…;) Für den 1000er war es dank dem Solo kein höheres Risiko, da ich die 1000 Kilometer dann östlich der Elbe auf dem Rückweg erreichen sollte. Ich spickte immer mal wieder zurück nach Wilsche und sah, dass das Wetter soglangsam abbaute und abtrocknete. Aus Westen zog zudem eine Abschirmung nach Osten rein, welche schlechtere Steigwerte versprach. Demzufolge packte ich nochmal alle Energiereserven aus und gab Vollgas… flog weiter mit 160-170km/h vor um schnell an die für 17Uhr lokal immer noch verrückt guten Steigwerte ranzufliegen. Ich meine Steigwerte von 2 - 2,5m/s. Daraus resultierte eine noch schnellere Schnittgeschwindigkeit von 145km/h… Wahnsinn was aus gutem konzentrationsmanagement zusammen mit gutem Wetter für hohe Schnittgeschwindigkeiten resultieren können. Ich hatte die ganze Zeit das Ziel im Hinterkopf kurz vorm thermischen Ende im EDR-74 den Endanflugbart zu ergattern.
Soweit so gut… es war nun kurz vor 17Uhr lokal und ich war 220km entfernt von Wische, als ich meine vierte Wende von insgesamt fünf möglichen zwischen Holzdorf und Finsterwalde setzte… verrückt
Ich weiß immer noch nicht wo ich diese Ruhe und dieses Selbstvertrauen an dem Tag her hatte.
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Über einem Tagebau in der Lausitz
Umgedreht nahm ich mir dann mein Stück Kuchen zur Hand. Mein letzter Snack um die letzen 200km hoffentlich im reinen Segelflug absolvieren zu können. :D Kleiner Funfact nebenbei…Ich bin erst einmal mit der Ls8 bei sehr tiefer Basis (unter 500m agl) außengelandet. Ich glaube deshalb hatte ich so ein hohes Selbstvertrauen nicht „nur“ 1000km im Flug zu planen nämlich gleich 1100km. Sorry für diesen Größenwahn aber es hat geklappt!!! Meine Rechnerei hat gepasst 19Uhr bei Thermikende in Wilsche anzukommen… Stellt euch bitte jetzt mal vor die Abschirmung wäre nicht gewesen und ich hätte nochmal im thermisch guten Gebiet bei Wilsche und der Heide aufdrehen können und bei Celle-Arloh meine letzte und fünfte Wende setzten können… Ich sag euch 1200km wären dann meiner Meinung nach auf letzter Rille möglich gewesen!!! Hallo? 1100-1200km in Norddeutschland. Das war ehrlich gesagt jenseits meiner Vorstellungskraft.
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Zu Hause nach mehr als 1100km
Nun ist mein größter Streckenflugtraum um 106km übertroffen. Ich werde mich in nächster Zeit Flügen widmen bei denen die Kilometeranzahl nicht im Vordergrund steht. Ich sage zu solchen Flügen immer gerne Erlebnisflüge. 1106km in einem Flug zu fliegen, gehören aber irgendwie trotzdem zu einem meiner größten Erlebnisse im Segelflug. Diesen Flug werde ich nie vergessen. Genau wie mein frei fliegen vor 4 Jahren. (Erstes Mal ohne Fluglehrer) Ich habe mich 2021 Freigeflogen und in der 3.Streckenflugsession ohne Faden in einem 300.000€ Flieger die 1100er Marke mit nur einer Außenlandung im Leben geknackt.
An dieser Stelle möchte ich Nico Klingspohn danken, der mir seeehr viel seines Streckenflugwissens mitgegeben hat. Ich durfte mit ihm die Doppelsitzer-Qualifikation in Brandenburg an der Havel und die Doppelsitzer-DM in Bayreuth mitfliegen. Danke dafür Nico und danke an den LSV-Gifhorn für die Möglichkeit diesen herausragenden Flieger den Arcus M bewegen zu dürfen.
Weiterhin allen einen guten Flug und alles Gute!
Euer Vereinskamerad Maurice

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